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Rücken, Rucken, Buckel oder Nacken?

16. Februar 2009

“Mit der Fiedel auf dem …” Raimund Lang durchleuchtet das Lied, das diesem Periodikum seinen Namen und auch die Idee von tiefgehender Leichtigkeit verliehen hat. Notizen zur heimlichen Hymne der Nordgauer.

Von Raimund Lang

Schon mit dem Titel beginnt die Fragestellung: Wo hat er seine Fiedel? Auf dem Rucken oder doch eher auf dem Nacken? Oder gar auf dem Buckel, wie gelegentlich zu hören ist? Ist eigentlich gar nicht so wichtig, im Zeitalter der Stereoanlagen. Aber wenn man sich schon der romantischen Retrospektive ergibt, dann will man’s halt genau wissen …

Meine Anmerkungen zum Cantus von der „Alten Bude” in der vorletzten „Fiedel” haben den hohen Redakteur veranlasst, mich um einen weiteren Beitrag zu ähnlichem Thema zu ersuchen. Das schmeichelt mir zwar, aber es macht mir auch Schwierigkeiten. Denn sein Wunsch, Näheres über das im Titel genannte, bei Nordgau höchst beliebte Prager Lied zu erfahren, ist nicht minder schwer zu erfüllen. Auch hier gilt, was bei so vielen Studentenliedern Faktum ist: Wir wissen sehr, sehr wenig.

Carpe diem!

Fangen wir also an, die Krumen zusammenzukratzen, die um dieses Minimum verstreut liegen. Da ist zuerst einmal der Titel. Das Gedicht ist überschrieben „Der Prager Musikant”. Das ist schon einmal wichtig, denn es handelt sich dabei um kein Studentenlied im engeren Sinne. Aber was ist ein Studentenlied? Weder das Gaudeamus, noch das Ergo bibamus sind als Studentenlieder entstanden, sondern erst durch die Rezeption zu einem solchen geworden. Wenn man die Definition also großzügiger auslegt, dann besteht der studentische Anspruch auf dieses Lied durchaus zu recht. Es waren Studenten, die dieses Gedicht verbreiteten, die es aus dem Prager Umfeld hinaustrugen, bis es schließlich – wenngleich erst im Exil – zu einer Art Hymne wurde. Und das Lebensgefühl, das in diesen Versen zum Ausdruck kommt, entspricht dem studentischen Carpe diem ganz und gar: Lied, Liebe, Leichtigkeit – eine Alliteration der Lebens-Lust!

Den Autor kennen wir. Er heißt Wilhelm Müller. Und – Gott sei’s gedankt! – über ihn wissen wir eine ganze Menge. Zuerst einmal müssen wir ihn von Wenzel Müller unterscheiden, dem mährischen Komponisten und Ferdinand-Raimund-Vertoner, dem wir Studenten die Weisen zu „Ich hab den ganzen Vormittag auf meiner Kneip’ studiert” und „Wer niemals einen Rausch gehabt” verdanken. Unser Mann aber heißt Wilhelm – genau genommen Johann Ludwig Wilhelm – und stammt aus Dessau. Dort steht im Stadtpark ein großes Denkmal für ihn. Und in Dresden hat man ihm sogar einen Brunnen gewidmet! Müller hat Nachruhm – kein Wunder, denn er ist Teil des „Weltkulturerbes”. Von ihm stammen nämlich jene Gedichte, die Franz Schubert vertont und zu den Zyklen „Die schöne Müllerin” und „Winterreise” zusammengefasst hat – Lyrik in ihrer höchsten/tiefsten Form.

Ein Frühvollendeter

Gleich Schubert, war auch dieser Wilhelm Müller ein Frühvollendeter. Am 7. Oktober 1794 als Sohn einer Schneiderfamilie geboren, galt er nach einem Urteil seines Zeitgenossen Willibald Alexis als „der erste Lyriker seiner Zeit”. Für diese Karriere blieben ihm gerade einmal 33 Jahre. Sie reichten für ein altphilologisches Studium in Berlin, das er aufgab, um als Soldat in die Freiheitskriege zu ziehen. In dieser Funktion tat er im Oktober 1813 auch Dienst in Prag. Danach wurde er Lehrer in seiner Heimatstadt, schließlich Bibliothekar, ehe er am 30. September 1827 den Folgen eines Herzinfarktes erlag.

Zu Lebzeiten erfreute er sich der hohen Wertschätzung Ludwig Tiecks, der Vaterfigur der Romantiker, aber auch Carl Maria von Webers, der schon vor Schubert Müllers Texte vertont hatte, und Goethes, der ihn in Weimar empfing. Seine Gedichte erschienen in verschiedenen Zeitungen und wurden rasch populär. 1821 wurden sie erstmals verlegt, darunter auch „Der Prager Musikant” und „Die Prager Musikantenbraut”. Doch der Autor ging weit über die romantische Gefühlswelt seiner Zeit hinaus und verfasste theoretische Texte zum politischen Geschehen, die ihn als liberalen Geist ausweisen. Seine Stellungnahme für den Philhellenismus, also den griechischen Aufstand gegen die Türken, und seine in diesem Geist niedergeschriebenen „Lieder der Griechen” trugen ihm dem Beinamen „Griechenmüller” ein. Eine Gesamtausgabe seiner Schriften erschien allerdings erst 1994 unter starker Beteiligung der seit 1992 bestehenden Wilhelm-Müller-Gesellschaft in Berlin.

Die Kommersbücher konnte Müller schnell erobern. Bereits in der Erstausgabe der „Lahrer Bibel” von 1858 finden wir seinen Namen sieben Mal, 40 Jahre später weist dieses wichtigste deutsche Studentenliederbuch bereits 16 Müllerlieder auf. Immerhin neun sind es in der bislang jüngsten Auflage, der 162. von 2004. Im „Österreichischen Kommersbuch” von 1984 ist er sieben Mal vertreten. Hier ist vielleicht der Hinweis angebracht, dass die „Fiedel auf dem …” keineswegs Müllers geläufigstes Studentenlied ist. Dieses Prädikat gilt sicher dem „Krug zum grünen Kranze”. Vor allem in Österreich erfreut sich daneben das üblicherweise als „Letztes Allgemeines” gesungene „Wenn wir durch die Straßen ziehen” weiter Beliebtheit. Auch eine für jeden Couleurstudenten elementare Erkenntnis stammt aus seiner Feder – sie lautet: „Das Essen, nicht das Trinken, bracht uns ums Paradies …!”

Komponist in Vergessenheit

Soviel wir über den Dichter wissen (hier fanden nur die wichtigsten Eckdaten Erwähnung), so wenig Ahnung haben wir vom Komponisten. Auch das ist ein typisches Problem vieler beliebter Studentenlieder: Sie setzen sich irgendwann durch, aber ihre Schöpfer geraten in Vergessenheit. (Zum Beispiel beim Grafen von Rüdesheim, bei Scheffels „Perkeo” und auch beim Lied von den „Drei Gesellen” kennen wir vom Komponisten nicht viel mehr als den Namen). Wir Studenten singen heute eine Melodie, die 1895 Oskar Wildner geschrieben hat. Oskar Wildner …? Gelebt hat er von 1855 bis 1927. Er hat in Würzburg Medizin studiert und war dann Arzt in Eschau im Spessart. Was ihn zu dieser Komposition motiviert hat – wer kann es sagen? Immerhin ist das Prager Lied in seiner Vertonung zum Farbenlied der Prager Sängerschaft Barden geworden. Und auch in die Lahrer Bibel ist es erst mit dieser Weise eingegangen – in die 51. Auflage um 1897. Eines ist jedenfalls belegt: Die Muse hat ihn öfter geküsst. So liegt uns auch seine Vertonung des Wartburgliedes „Dunkles Tal zu meinen Füßen” von Ernst von Wildenbruch vor. Aber das war’s dann – basta!

Wildners Melodie ist es zu verdanken, dass das Gedicht zum bleibenden Liedgut der studentischen Verbindungen geworden ist. Die Weise – nicht ganz leicht zu singen – beginnt mit einem fröhlichen Auftakt, schlägt dann etwas melancholischere Töne an und klingt schließlich wieder in heiterer Stimmung aus. Doch Vertonungen liegen schon viel, viel früher vor. Bereits 1821, im Jahr der Erstveröffentlichung von Müllers Gedichtband, verfasste der Berliner Kirchenmusiker Bernhard Klein (1793 – 1832) eine Weise, der aber kein Erfolg beschert war. In frühen Kommersbüchern steht eine Melodie ohne Autorenangabe. Mehr als hundert Jahre nach der Dichtung, im 1924 verlegten Liederbuch der Lindenwirtin Ännchen Schumacher, findet sich mit dem Bonner Landsmannschafter Wilhelm Arendt ein weiterer Komponistenname genannt. Prominentester Tonsetzer blieb allerdings Heinrich Marschner (1795 – 1881), der Meister der Opern „Hans Heiling”, „Templer und Jüdin” und „Der Vampyr”, in dessen Werkverzeichnis das Lied als op. 73/6 erscheint; eine Aufnahme auf Tonträger aus dem Jahr 1948 mit dem Heldenbariton Hans Hermann Nissen liegt vor. Marschner war ein anerkannter und erfolgreicher Komponist, aber sein Prager Musikant kann mit jenem des unbekannten Oskar Wildner nicht konkurrieren!

Ein Kuriosum bedarf unbedingt der Erwähnung: Im 1944 verlegten Liederbuch „Burschen heraus!” taucht unser Lied im Abschnitt „Deutsche Heimat” auf, mit Wildners Melodie und dem Texthinweis „Nach Wilhelm Müller”. Die Herausgeber sahen sich nämlich im politischen Zeitgeist zu einer Redaktion im Sinne konsequenter Entchristlichung veranlasst. Das führte zu folgenden Textvarianten:

1. … ziehn’n wir Prager Musikanten durch das weite deutsche Land.
An der Moldau tät uns grüßen gar der heil’ge Nepomuk,
steht mit seinem Sternenkränzel mitten auf der Prager Bruck.
Als ich da hinausgezogen, hab ich froh ihn angelacht
Und an mein schwarzbraunes Mädchen voller Lieb zurückgedacht.

4. … Hoch geschwenkt den vollen Beutel, das gibt eine Musika,
‘s Fenster klirrt, es rauscht der Laden, liebes Herze, ich bin da!

Der Nepomuk durfte zwar stehen bleiben, jedoch jeder himmlischen Kompetenz beraubt. Aber die heilige Caecilia, die Patronin der Kirchenmusik und damit auch der Musikanten, wurde ins Exil geschickt. Inzwischen ist sie wieder heimgekehrt.

Die Ruinen einer Legende

Noch ein Wort zum Schipkapass, dessen Erinnerung uns die johlende Schlusskadenz „Am Schipkapass geht’s lustig zu!” entlockt. Die Gaststätte dieses Namens lag im Nordwesten der Stadt, nahe dem Šarkatal. Ihren Namen verdankt sie der angeblichen Ähnlichkeit des Geländes mit dem bulgarischen Schipkapass, einer Kampfstätte des russisch-türkischen Krieges. (Siehe auch Mihailo Popovićs Beitrag zum „historischen” Schipkapass in dieser Ausgabe. Anm.) Er war im Grunde genommen eine Spelunke, in der zwischen den Studenten der verschiedensten Richtungen Burgfriede herrschte und ausschweifend gekneipt wurde. Seinen Ruhm verdankt er nicht zuletzt dem Roman Karls Hans Strobls („Am Schipkapass” – in späteren Auflagen „Die Flamänder von Prag”). Die Ruinen des Bauwerkes stehen noch heute neben einer Garagenanlage. Aber die große Zeit des Schipkapasses war um die Jahrhundertwende; bereits in der Zwischenkriegszeit war er zwar noch geöffnet, aber nur mehr Legende.

Alte Prager Couleurstudenten berichteten mir, dass sie nur dann hinauszogen, wenn Kommilitonen „aus dem Reich” zu Besuch kamen, welche die cerevisielle Wallfahrtsstätte unbedingt sehen wollten. Wann der Schipkapass an Müllers Lied – mit dem er nicht das geringste zu tun hat! – angehängt wurde, vermag ich nicht zu sagen, doch mit Sicherheit erst im 20. Jahrhundert. Das Verdienst, den Schipkapass Ende der 80er-Jahre wieder lokalisiert und seine Trümmer dokumentiert zu haben, gebührt übrigens einigen Wiener CVern, darunter Franz Luger v. Zorro (Nb), Peter Krause v. Aegir (Rt-D) und Ernst Beinhofer v. Tillchen (Walth). (Die Adresse: Zlatnice 56)

Die anatomische Frage

Fassen wir knapp zusammen: Irgendwann zwischen 1810 und 1820 muss das Gedicht Wilhelm Müllers entstanden sein. 1821 erscheint es erstmals im Druck und wird sofort vertont. Weitere Vertonungen folgen. Die studentischen Liederbücher nehmen das Lied auf. Aber erst 1895 gelingt dem 40jährigen Arzt Oskar Wildner eine Melodie, die bis heute studentisches Allgemeingut ist.

Somit bleibt nur noch eine Frage offen: die anatomische. Welcher Körperteil war es denn nun, an dem die Prager Musikanten ihre Fiedel trugen? Diese Streitfrage führte zu wahren Fraktionsbildungen. Dabei blieben die Anhänger der Buckel-Theorie bedeutungslos. Die Rucken-Befürworter verhalten sich eher gelassen und berufen sich auf das „Allgemeine Deutsche Kommersbuch”, worin tatsächlich der Rucken steht, allerdings nur in den jüngeren Auflagen, während die älteren dem Nacken huldigen, wie die Mitglieder der Nackenfraktion völlig richtig vermerken. In den Burschenschaftlichen Blättern, die in studentenhistorischen Fragen gemeinhin eine gute Quelle sind, findet sich ein Leserbrief aus dem Jahr 1970, dessen Schreiber selbstbewusst und eloquent auf dem Nacken besteht und das argumentativ, aber indizienlos untermauert. Was nun?

Geheimnis gelüftet

Dabei wäre die Lösung so einfach. Man nehme einfach den Erstdruck aus dem Jahre 1821 zur Hand, der in jeder besseren Universitätsbibliothek zu finden sein sollte und noch vom Autor Wilhelm Müller selbst ediert wurde, dessen Authentizität also über jeden Zweifel erhaben ist. Er trägt den schönen, ganz den Geist der Romantik verströmenden Titel „Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten”, erschien in Dessau und enthält bereits die Gedichte zur „Schönen Müllerin” und zur „Winterreise”. Im Abschnitt „Reiselieder” auf Seite 94 finden wir unsere Verse und erkennen beschämt: Keiner hat recht! Es heißt dort ganz schlicht und unkapriziös: „Mit der Fiedel auf dem Rücken” – ja, Rücken, nach alter Schreibweise mit einem kleinen „e” innerhalb der u-Kuhle, genauso wie auch Wilhelm Müller seinen Namen schrieb.

Damit sollte Klarheit geschaffen sein. Aber Studentenlieder haben ihr Eigenleben und sollen es auch behalten. Deshalb ist mein Rat: Ob Rücken, Rucken, Buckel oder Nacken – was immer Ihr bisher gesungen habt, singt es auch weiter so! <>

Raimund Lang v. Dr. Giselher ist Schauspieler in Hamburg. Führender Kopf in der Studentenliedforschung, Verfasser zahlreicher Schriften zum Thema. Er ist (neben einigen anderen Korporationen) Mitglied der K.D.St.V. Frankonia-Czernowitz zu Erlangen.

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