Trotzdem Kirche

Mit dem Rücken zur Wand?
Zu diesem Schluss kommt – mit der Bitte um Vergebung und dem Angebot für persönliche Gespräche – unser Verbindungsseelsorger Eugen Schindler in seiner Betrachtung zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.
In den letzten Wochen wurden wir regelrecht überrollt von täglich neuen Meldungen über Missbrauchskandale in kirchlichen Einrichtungen und durch Priester und kirchliche Angestellte. Wo immer so etwas im kirchlichen Bereich geschehen ist, kann es nur als skandalös eingestuft werden und als Verrat an denen, die sich im Schutz der Kirche geglaubt haben – sowohl hinsichtlich der kriminellen Tat selbst als auch im Blick auf den meist nur halbherzigen Umgang mit der Verantwortlichkeit der Täter durch die kirchliche Leitung. Abgesehen von der Pflicht der Kirche, den Opfern zu heilenden Schritten einer Wiedergutmachung zu helfen, können wir als Kirche die Opfer nur um Vergebung bitten für das, was ihnen angetan worden ist; auch wenn es tatsächlich eine sehr kleine Zahl von Priestern ist, die schuldig geworden sind.
Es geht jetzt darum, im Hinblick auf die Vergangenheit die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen, Schaden nach Möglichkeit gut zu machen und im Hinblick auf die Zukunft neue Missbrauchsfälle zu vermeiden. Sehr wichtig in der Haltung, als erstes auf die Opfer zu schauen und ihnen Hilfe anzubieten, sind die Ombudsstellen der Diözesen. Diese sind schon seit ca. zehn Jahren als „Erstkontaktstellen“ für Missbrauchopfer eingerichtet und haben die Aufgabe, Missbrauchsfälle im Sinn der Opfer aufzuklären und für adäquate Konsequenzen in der Kirche zu sorgen. Diese Konsequenzen sind durchaus verschieden, je nach den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der Opfer und aufgrund der jeweiligen Tätersituation. (Besonders hinsichtlich der Frage, ob ein Täter noch aktiv in der Kirche tätig, im Ruhestand oder bereits verstorben ist.)
Bleibende Aktualität haben wohl die folgenden Worte von Kardinal Schönborn:
„Gott möge uns helfen im Umgang mit dem Versagen und der Verantwortungslosigkeit in unseren eigenen Reihen: damit den zu Schaden Gekommenen und in ihrer Würde Verletzten geholfen und weiterer Schaden verhindert wird; damit die Menschen, die sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben, Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und konkrete Konsequenzen daraus ziehen. Für uns alle gilt gerade hier das Hoffnung gebende Wort Jesu „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh 8,32). Um einen umfassenden Dienst an dieser Wahrheit bitte ich alle in der Kirche.”
Nähere Informationen zur Missbrauchsproblematik gibt es im Internet: www.ombudsstellen.at
www.missbrauch-opfer.info (Das Gästebuch auf dieser Seite ist erschütternd)
Etliche Katholiken haben aufgrund der Missbrauchsthematik in den letzten Wochen den Austritt aus der Kirche erklärt, und ich weiß aus persönlichen Gesprächen, dass auch Cartellbrüder solche Überlegungen anstellen. Ich denke aber, dass gerade jetzt der (Wieder-)Aufbau von Vertrauen in die Kirche etwas ganz Wichtiges ist, und dazu braucht es Christen, die zu ihrem Glaubensbekenntnis und zur Kirche stehen und die damit zeigen, dass Kirche vor allem Gemeinschaft um Jesus Christus ist, auch wenn diese Gemeinschaft durch die Sünde der Menschen immer wieder geschwächt wird.
Allen, die den Schritt aus der Kirche in Erwägung ziehen oder schon gesetzt haben, stehe ich sehr gerne zu persönlichem Kontakt zur Verfügung, wo Fragen geklärt werden können, wo Ärger abgeladen werden kann und wo sich gegebenenfalls auch ein Weg zurück in die Kirche finden lässt.
Ich wünsche uns allen, dass wir uns trotz aller dunklen Erfahrungen als von Gott geliebte und erlöste Menschen wissen und dass uns der Glaube an Gott Zuversicht in unserem Leben gibt, nicht zuletzt in der Gemeinschaft der Glaubenden, die wir Kirche nennen.
Mag. Eugen Schindler CM v. Lucas
Verbindungsseelsorger
Email: eugen.schindler[at]lazaristenpfarre.at
Mag. Eugen Schindler CM v. Lucas ist Visitator der österreichischen Lazaristenprovinz und Pfarrer in der Lazaristenpfarre und in Altlerchenfeld.