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“Letztlich sind es die Bundesbrüder, warum er bleibt”

26. April 2010

Bbr. Dr. Gregor Hörmanns Festrede zum Gründungstag 2010. Zukunftsperspektiven aus der Sicht eines Aktiven.

Der hohe Senior hat mich gebeten in der Festrede auf Nordgau aus Sicht der Aktivitas einzugehen. Eine ehrenvolle, wenn auch nicht ganz einfache Aufgabe. 47 junge Männer zählt unsere Aktivitas derzeit. 47 Burschen und Fuchsen mit unterschiedlichen Geschichten und folglich 47 völlig unterschiedliche Herangehensweisen an das Phänomen Nordgau. Was ist es nun aber, das uns alle vereint? Was führt einen jungen Studenten zu unserer Verbindung? Wohl kaum allein das billige Bier oder die liebevoll zubereiteten Würstel. Und weiter: Was bewegt diesen jungen Nordgauer im Jahre 2010? Wie erlebt er seine Aktivenzeit in einer radikal veränderten Studienlandschaft?

Radikal verändert hat sich das Studentenleben durchaus. Die Auswirkungen von Bologna-Prozess und Universitätsgesetzreform sind uns hinlänglich bekannt. Und ich will jetzt auch nicht näher auf Vor- und Nachteile eingehen, auch nicht die Kontroverse zwischen Bildung und Ausbildung an den Hochschulen, aber ein junger Student sieht sich heute wohl mit einer gänzlich anderen Studienlandschaft konfrontiert als noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Studienpläne sind verschulter geworden und das Zeitkorsett deutlich enger. Viele müssen neben ihrem Studium einer Arbeit nachgehen und auch der Leistungsdruck scheint gestiegen zu sein – angefangen bei Aufnahmetests vor dem Studium, über Platzbeschränkungen bis hin zu diversen Knock-out-Prüfungen. Und für den Arbeitsmarkt reicht es heute nicht mehr, sein Studium einfach nur irgendwie zu absolvieren. Es soll schon ein Abschluss in Mindeststudienzeit sein, dazu ein paar Semester im Ausland und wenn es irgendwie geht, dann auch gleich ausgiebige praktische Erfahrung. Das mag schon überspitzt ausgedrückt sein, aber im Vergleich mutet es etwas anachronistisch an, wenn wir auf der Kneipe die Leichtigkeit des unbeschwerten Studentendaseins besingen. Wie heißt es doch zum Beispiel in der „Alten Bude“ so schön: „Zwischen Trunk und Traum und Liebe verbracht ich meine Fuchsenzeit.“ Ein solcher Fuchs würde wohl heute ziemlich rasch vor der Studienkommission landen.

Diese Veränderungen der Studienlandschaft haben natürlich auch Auswirkungen auf unsere Verbindung. Der „Nordgauer Model 2010“ wird sein Couleurstudententum zwar aus vollem Herzen ausüben, aber wohl kaum als Vollzeitjob. Der Aktive von heute wohnt nicht mehr auf der Bude, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Schließlich wollen wir den Studienfortschritt unserer Bundesbrüder ja fördern und nicht behindern – vom Eliteanspruch des CV noch ganz zu schweigen. Andererseits fordern wir von unseren Mitgliedern auch Engagement und Einsatz für unsere Verbindung – und das zu Recht. Es muss einiges geleistet werden, um den Budenbetrieb am Laufen zu halten, um Veranstaltungen wie diesen würdigen Gründungstag zu organisieren. Hier ist von uns allen ein höheres Maß an Flexibilität und Innovation gefordert.

Wir haben auf diese Anforderung zum Teil auch schon reagiert. Mit der Neugestaltung von Fuchsenausbildung und Philistrierungsvoraussetzungen vor einigen Jahren haben wir einen entscheidenden Schritt in die richtige Richtung getan. Der junge Nordgauer kann nun seine Arbeit für unsere Verbindung freier planen und etwas besser mit seinen anderen Tätigkeiten koordinieren. Darüber hinaus werden auch noch andere Vorschläge als Reaktion auf diese Veränderungen diskutiert: ein verstärktes Engagement außerhalb von Chargen und Funktionen oder ein mehr projektbezogener Einsatz von Bundesbrüdern. Selbiges erleben wir in unserer Verbindung ja ohnedies immer wieder. So hat sich der „Gemischte Satz“ – um nur ein gelungenes Beispiel von vielen zu nennen – aus der Idee einiger Bundesbrüder entwickelt, die nicht mit einer Chargentätigkeit betraut waren. Und in den letzten Semestern konnte dadurch das Programm um ein paar sehr erfolgreiche Veranstaltungen bereichert werden. Auch so können wir die Arbeit des CHCs unterstützen. Es wird in den kommenden Jahren hier sicher noch mehr innovative Ideen brauchen, um Studium und Engagement für unseren Nordgau noch besser vereinbar zu machen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir weitere praktikable und zukunftsweisende Lösungen dafür finden werden.

Ein ganz anderes Problem, das sich im Jahr 2010 für die Aktivitas stellt, ist die Frage der Religio. Und dieses Problem lässt sich nicht so leicht lösen. Auch hier haben sich die gesellschaftlichen Umstände geändert, wenn auch nicht so radikal, wenn auf viel langsamer und schon seit Jahrzehnten. Wir können heute leider nicht mehr davon ausgehen, dass ein jeder junger Student katholisch ist – und schon gar nicht, dass er wirklich hinter seinem Glauben steht. Noch mag dieses Problem bei der Aufnahme neuer Mitglieder nicht so akut sein. Aber wie sieht es in zehn, wie sieht es in dreißig Jahren aus? Der Trend an Kirchenaustritten lässt hier leider nichts Positives erwarten. Wie werden wir darauf reagieren? Werden wir einfach zusehen, wie der Anteil an Studenten, die wir ansprechen, immer kleiner wird? Oder werden wir dann gar junge Menschen über die Verbindung wieder an die Kirche heranführen können? Hier kommen wohl in nicht allzu ferner Zukunft neue Herausforderungen und neue Aufgaben auf uns zu.

Ein weiteres Spannungsfeld, in das sich ein junger Couleurstudent 2010 begibt, ist sicher jenes zwischen Tradition und Moderne. Heute feiern wir unseren 110. Gründungstag – 110 Jahre, eine lange Geschichte und Tradition, die es zu erhalten gilt. Doch nicht alles was alt ist, soll auch einfach so fortgeführt werden – schon gar nicht unkritisch. Es gibt hierzu immer wieder kontroverse Meinungen beispielsweise auch zum Text unseres Bundesliedes – in der Aktivitas wie in der Altherrenschaft. Sicher ein schwieriges Thema, ich kenne den geschichtlichen Hintergrund und es liegt mir auch fern hier für radikale Änderungen zu plädieren – schon gar nicht an unserem Gründungstag. Aber ich habe in Gesprächen leider zu oft Stimmen gehört, die eine Diskussion grundsätzlich scheuen – sei es aus Angst vor einer Auseinandersetzung oder aus Bequemlichkeit. Nun liebe Bundesbrüder, ich glaube – auch gerade aus Sicht der Aktivitas – ist das der falsche Weg. Wir laufen hier Gefahr, jungen Studenten Althergebrachtes zu unkritisch zu vermitteln. „Weil es so ist. Weil es immer schon so war.“, sind sicher keine Argumente einer Vereinigung mit Zukunft. Ich will hier keineswegs dem Zeitgeist das Wort reden; Traditionen sind etwas Wunderbares, aber man muss sich bewusst für sie entscheiden. Nur wenn sich die junge Generation, wenn sich jede neue Generation an Nordgauern aktiv mit unserer Geschichte auseinandersetzt, nur wenn sie sich auch der unbequemen Diskussion stellt, dann kann sie unsere Traditionen als ihre eigenen annehmen und sie für die Zukunft bewahren, anstatt sie nur halbherzig zu akzeptieren.

Doch zurück zu einer anderen, einer entscheidenden Frage: Was ist es nun, das einen jungen Studenten heute dazu bringt, einer Verbindung wie der unseren beizutreten? Warum beschäftigt er sich überhaupt mit den gerade genannten Problemen und investiert einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit in die Bude? Warum kümmert er sich um Bierbestellungen und Studentengeschichte und behängt sich mit eigenartigen Bändern? Oder anders ausgedrückt: Was ist es, das unseren geliebten Nordgau seit 110 Jahren am Leben erhält, ihn wachsen und gedeihen lässt. Was macht seine Faszination auch noch im Jahre 2010 aus?

Auch hier ist die Vielfalt der Antworten so groß wie die Zahl der Bundesbrüder. Es sind zum einen sicher unsere klaren Prinzipien, die junge Menschen ansprechen – gerade in einer Zeit, in der viele Wertvorstellungen in Frage gestellt werden. Zum anderen mögen es attraktive Veranstaltungen sein – von Kneipen bis zu ausgelassenen Partys, von interessanten Diskussionsabenden bis zu würdigen Festkommersen. Und nicht zuletzt sind es oft familiäre Bande oder eine Vorbelastung im MKV, die den jungen Studenten zum Nordgau führen. Diese Aufzählung ist sicher nicht vollständig, doch ganz egal warum ein Student zu uns kommt, letztlich sind es die Bundesbrüder – sind es wir alle – warum er bleibt.

In der Begegnung mit den anderen Nordgauern offenbart sich die wahre Bedeutung von Bundesbrüderlichkeit und von Amicitia – sei es in angeregten Diskussionen, in gegenseitiger Hilfe oder einfach nur bei einem Glas Bier. Ein jeder neue Bundesbruder findet schließlich im persönlichen Kontakt seine Liebe zum Nordgau und seinen eigenen, ja einzigartigen Zugang zu unserer Verbindung. So machen beispielsweise für mich gerade die vielfältigen Gelegenheiten des gegenseitigen Austausches das Besondere am Phänomen Nordgau aus – ein Austausch über die Grenzen von Fachbereichen und Generationen hinweg. Wo sonst erlebt man schon an ein und demselben Abend an der Bar Diskussionen über Atomphysik und Verwaltungsrecht, kann man sich über die Fortschritte der medizinischen Forschung ebenso informieren wie über jene der Byzantinistik oder über Strategien beim Tarock? Wo sonst kommt es zu einem so ungezwungenen Miteinander von jung und alt? Und das auch noch mit Freunden, ja mit Brüdern. Und nicht nur innerhalb unserer eigenen Verbindung ist eine solche Begegnung möglich. Gerade wenn wir heute unseren Gründungstag gemeinsam mit unseren Bundesbrüdern von Nordgau Prag feiern, zeigt sich einmal mehr, dass das Band unserer Freundschaft weit über die Kolingasse hinausgeht.

Liebe Bundesbrüder, für die kommenden Jahre und Jahrzehnte gilt es, alles was wir an unserem Nordgau so lieb gewonnen haben, zu bewahren und an die nächsten Generationen der Aktivitas weiterzugeben. Und es gilt, immer wieder junge Studenten für unseren Bund zu begeistern. Dazu müssen wir uns gemeinsam neuen Herausforderungen stellen und auch Mut zur Veränderung haben, um eine Verbindung mit Zukunft zu bleiben. Wenn ich heute auf ein ganzes Dutzend Fuchsen blicke und wenn ich eine junge engagierte Aktivitas sehe, die auch schon im CHC Verantwortung übernommen hat, so stimmt es mich am Ende meiner Aktivenzeit zuversichtlich. Zuversichtlich, dass wir alle noch vor uns liegenden Aufgaben gemeinsam bewältigen werden. Zuversichtlich, dass unsere Bundesbrüder Nordgaus Gründungstag auch noch feiern werden, wenn weitere 110 Jahre vergangen sind. <>

Dr. Gregor Hörmann, Jahrgang 1983, ist Assistent am Klinischen Institut für medizinisch-chemische Labordiagnostik an der Medizinischen Universität Wien. Nordgauer seit 2004.

Mehr Fotos auf www.nordgau.at

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