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Die Simpsons und die Philosophie

22. November 2009

Von Gudrun Geist

Eigentlich haben wir es doch alle längst gewusst. Die Simpsons sind viel mehr als ein Haufen gelber Männchen, viel mehr als ein paar makabere Witze; viel mehr als die mit 20 Jahren am längsten laufende US-Zeichentrickserie aller Zeiten. Seit 1989 ziehen uns Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie in fast 500 Folgen nun schon in ihren Bann und faszinieren durch den Mix aus überzeichneter Realität und versteckten Anspielungen. Die Simpsons sind ein Spiegel der amerikanischen Gesellschaft, eine Parodie auf das stets harmonische Familienleben. Was aber steckt hinter der scheinbar willkürlichen Zusammensetzung der Personen in Springfield?

Schon Aristoteles teilte die Menschen in vier Charaktertypen ein: den Tugendhaften, den Beherrschten, den Unbeherrschten und den Boshaften. Um tugendhaft zu sein, brauchen Mensch – sowie Springfieldianer – praktische Vernunft, etwas, wovor Homer Simpson nicht gerade strotzt. Dank seines maßlosen Hungers, seines fehlenden Gerechtigkeitssinns und der Tatsache, dass er stets seine zweite Tochter vergisst, fällt er ganz klar aus der Riege der Tugendhaften; zumindest meistens. Denn seine naive Furchtlosigkeit und die ungebrochene Treue zu Marge machen auch ihn zeitweise zu einem tugendhaften, seine elementare Liebe und Lebensfreude gar zu einem beneidenswerten Menschen.

Familie Simpson:

Marge, die Tugendhafte

In der Episode „Eine Klasse für sich“ erklärt Marge, dass sie genau das an ihrem Mann liebe, obwohl sie es mit ihm nicht leicht hat. Sie muss den unerschütterlichen moralischen Prüfstein der Familie darstellen, um ihre Geliebten beisammen zu halten. Sie muss einen Mittelweg zwischen den Extremen in ihrer Familie finden – und agiert damit genau so, wie Aristoteles es von einem tugendhaften Menschen erwartet. Ihr Mut steht zwischen Homers Tollkühnheit und Feigheit, ihre Selbstkontrolle zwischen Barneys alkoholischer Hemmungslosigkeit und der Gleichgültigkeit des hyperreligiösen Ned Flanders gegenüber körperlichem Vergnügen, ihr Umgang mit Geld zwischen erforderlich sparsamer Lebensweise und großzügiger Wohltätigkeit. Sie tut alles, um Lisa ihre Vorstellung von Moral zu vermitteln, da sie weiß, dass ihre Tochter die einzige ist, die genug Intelligenz besitzt, um die Notwendigkeit einer vorbildhaften Lebensweise zu verstehen.

Lisa und Kant

Lisa ist prointellektuell und hat somit vermutlich eine der schwierigsten Positionen in Springfield, denn sie steht der Hassliebe der restlichen Bevölkerung gegenüber. Schon bei den Gesprächen mit ihrem Vater wird sie stets mit dem amerikanischen Antiintellektualismus konfrontiert. Ihre Fähigkeit, Situationen scharfsinnig zu analysieren und hinter jeder Aussage die Sinnhaftigkeit zu kritisieren, macht sie zu einer Außenseiterin. Nicht einmal ihre Liebe zu so banalen Dingen wie der Zeichentrickserie Itchy&Scratchy oder dem Barbiepuppenverschnitt Malibu-Stacy kann sie zu einer potenziellen Freundin Gleichaltriger machen. Ihr ist bewusst, dass sie mit ihrer Kombination aus Intelligenz und Freude am Antiintellektuellen einzigartig in Springfield ist. Lisa ist bemüht, ihre Pflicht immer nach bestimmten Prinzipien zu erfüllen, die nach Kants Imperativ gelten sollen. Ist es richtig, Fleisch zu essen, wenn sie den Tieren im Zoo nie wehtun könnte? Mit so komplexen Überlegungen macht sie sich im eher stumpfsinnigen Springfield zu einer Außenseiterin. So ist sie bemüht, zumindest ihre kleine Schwester Maggie zu einer Freundin zu machen, indem sie ihr – erfolglos – sprechen beibringen will.

Dass Maggie aber gerade durch ihr Schweigen einen östlich-orientierten Ruhepol verkörpert, ist nicht einmal Lisa, die selbst Buddhistin ist, klar. In der östlichen Welt gilt großteils das Tao Te King („Der Wissende redet nicht. Der Redende weiß nicht“). Es ist bezeichnend, dass Maggie ausgerechnet in der Episode „Bei den Simpsons stimmt was nicht!“ zu sprechen beginnt. Als Ned Flanders ihr als erste wirkliche Vaterfigur seine Aufmerksamkeit widmet, sagt sie plötzlich „Daddily-Doodily“, als Homer sich in einer anderen Folge kurzzeitig um sie kümmert, „Daddy“. Solange Maggie auf sich allein gestellt ist, versinkt sie in Schweigen, wird sie jedoch in die westliche Lebens- und Erziehungsweise integriert, spricht sie. Dasselbe Bild war schon bei Lisa zu sehen, als sie noch klein war. Als Bart sich mit ihr befasst, sagt sie als erstes Wort „Bart“.

Mit einem Vorbild wie Bart ist es ein Mysterium, dass Lisa zu einer geistig so reifen Person heranwachsen konnte. Denn Bart ist zweifelsfrei der böse Bube von Springfield. In der Philosophie findet man sein Pendant vermutlich nur in Nietzsche. Doch die beiden sind keineswegs zu vergleichen, denn während Nietzsches Ideal der Künstler ist, der sich selbst überwindet und neue Werte schafft, ist Barts Leben chaotisch und ohne Form. Bart definiert sich simpel im Widerspruch zur Autorität. Als eines Tages jedoch jeder Bewohner Springfields dank eines Selbsthilfe-Gurus „tut, wonach ihm ist“, verliert Bart seine Identität. Er weiß nicht mehr wer und was er ist, denn ohne Rebellion kann Bart nicht existieren. Doch er ist nicht immer nur böse, denn in „Barts Freundin“ weigert er sich, den Klingelbeutel zu plündern. „Das ist eine schwere Sünde. Das weiß sogar ich“, kommt aus seinem Mund und lässt den unseren offenstehen. Weil Bart normalerweise so schrecklich frech ist, hat sein selten auftretendes Pflichtgefühl ein viel stärkeres Gewicht als bei einem anständigen Kind.

Die Freude an der „Eisecreme“

Mr. Burns: "Ausgezeichnet..."
Mr. Burns: “Ausgezeichnet…”

Mr. Burns ist ein bemitleidenswerter Mensch, denn trotz seines typischen Ausspruchs „Ausgezeichnet“ gibt es nur sehr wenig, worüber er sich wirklich freut. Er hat drei Probleme, die zwischen ihm und seinem Glück stehen. Erstens ist er in jeder Hinsicht exzessiv, alles um ihn herum ist groß und pompös. Zweitens sieht Mr. Burns alles in seiner Umgebung rein abstrakt oder symbolisch. Der Gewinn einer wertlosen Bowling-Trophäe ist für ihn wichtiger, als die durch das Spiel gewonnenen Freunde. Er misst allem so eine enorme Symbolik bei, dass das ursprüngliche Ding aufhört zu existieren. Nichts ist für ihn amüsant oder lustig, solange es nicht für etwas anderes steht, das noch größer und wichtiger ist. Dass dieser Weg nicht zum Glück führen kann, liegt am Unterschied zwischen dem instrumentellen und dem immanenten Guten. Dinge, die instrumentell gut sind, sind nur insofern gut, als sie zu anderen guten Dingen führen. Das, wozu sie führen, ist entweder auch instrumentell oder aber immanent gut. Immanent Gutes ist all das, was von sich aus wertvoll und für die Person gut ist. Sie sind kein Zwischenstopp auf dem Weg zum Glück, sondern sie machen glücklich, weil sie das sind, was sie sind. Als Mr. Burns beim Tu-wonach-dir-ist-Fest Eiscreme probiert und zu Mr. Smithers sagt: „Ich fühle mich heute ganz als Freigeist und genieße in vollen Zügen meine Eisecreme“, sieht man das Glück auch in Mr. Burns aufgehen. Er genießt die Eiscreme – nicht mehr und nicht weniger.

Die Simpsons und die Semiotik

Das grundlegende Konzept der Semiotik basiert auf der Beziehung der Zeichen zu den Objekten, die sie darstellen; genau das ist es, womit bei „Die Simpsons“ gespielt wird. Einerseits sehen wir die Signifikanten (die Elemente, die die Botschaft übermitteln) als unrealistisch, andererseits sehen wir eine Ähnlichkeit zu unserer Wirklichkeit. In „Wir vom Trickfilm“ schreiben Lisa und Bart eine Episode für Itchy&Scratchy, schicken sie aber unter dem Namen ihres Großvaters ein, da sie fürchten, als Kinder nicht ernst genommen zu werden. Dieses Bild ist für uns noch vertraut, während in derselben Folge die natürliche Beziehung von Alt und Jung umgedreht wird, als Homer stöhnt, weil ihm ein Pümpel (Saugglocke) auf seinem Kopf haftet. In diesem Moment ist Homer – wie so oft – wie ein Kind, das Hilfe von einem erwachsenen, reifen Menschen wie seiner Frau Marge braucht.

Natürlich sind die Mitglieder der Familie Simpson nicht mit Menschen zu verwechseln. Trotzdem sind die Charakterisierungen exakt genug, um satirisch unsere Welt zu repräsentieren. Homers Übergewicht und sein Bierkonsum sowie Barts Skateboard und Auftreten sind typische Zeichen der Kultur des späten 20. Jahrhunderts in Amerika.

Itchy und Scratchy

Itchy und Scratchy

Die Tatsache, dass „Die Simpsons“ eine gezeichnete Serie ist, beeinflusst die Wirkung der Signifikanten. Unsere Reaktionen sind bedingt, weil wir wissen, es ist „nur“ ein Zeichentrickfilm. „Die Simpsons“ nutzt genau diese Entwicklung und trickst unseren Verstand und unsere Erwartungen aus. Wir denken, Zeichentrickfilme seien kinderfreundlich und spielerisch, stumpfsinnig und hintergrundlos; sie schreiben sich quasi von selbst, wie die Itchy&Scratchy-Episode von Lisa und Bart. Als Schauplatz wählen sie einen Friseurladen. Bart schlägt vor, dass Itchy Scratchy statt Shampoo Barbecue-Sauce in die Haare schmiert und eine Packung fleischfressende Ameisen öffnet – der Rest schreibe sich von selbst.

Und gerade der Rest, der sich angeblich von selbst schreiben würde, ist es, der besondere Aufmerksamkeit verdient: Itchy betätigt die Hebevorrichtung am Friseurstuhl und Scratchy wird durch die Decke katapultiert, woraufhin er in einem Fernsehapparat im oberen Stockwerk landet. Dort sieht ein Elvis-Imitator gerade fern und schießt aufgrund des „Programms“ auf den Fernseher. Dass sich eine solche Szene von selbst schreiben würde, ist für Bart selbstverständlich; für einen Amerikaner ist sie vielleicht sogar akzeptabel; für für uns ist sie schlicht absurd. Zugegeben, die obligatorische Gewalt der beliebten Serie passt zu dem empor schnellenden Friseurstuhl. Doch Bart behauptet, dass Elvis-Imitatoren, die Handfeuerwaffen als Fernbedienungen benutzen, ein natürlicher Bestandteil der Kultur sind, die er beschreibt. Denn in seiner Welt, in der die amerikanische Lebensweise dermaßen überzeichnet dargestellt wird, ist ein solcher Ablauf die normalste Sache der Welt. In seinen Augen sind genau das die stabilen, leicht wiedererkennbaren Signifikanten der amerikanischen Kultur.

(Film-)Geschichte – komprimiert

Jeder von uns freut sich, wenn er bei „Die Simpsons“ ein Filmzitat entdeckt, dass er zuordnen kann. Jedes einzelne entdeckt zu haben, kann aber niemand behaupten. Mit Sicherheit nicht. Denn wieviele und welche Anspielungen in allen Episoden vorkommen, verraten die Produzenten nicht. Sie behaupten aber beispielsweise, lediglich mit Szenen aus „Die Simpsons“ den Film „Citizen Kane“ nachspielen zu können. Allein in „Die Simpsons – Der Film“ werden etliche Kultfilme zitiert; von „Titanic“ („Gentlemen, es war mir eine Ehre, mit Ihnen spielen zu dürfen“) und „Pulp Fiction“ (als Homer im Zelt der Indianerin den Travolta-Move macht), über „Eine unbequeme Wahrheit“ (als Lisa den Bewohnern den Ernst der Umweltsituation erklären will) und „Night of the Living Dead“ (als die Hände der wütenden Bewohner durch die vernagelte Tür greifen) bis hin zu „Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“ (als Bart mit Ned angeln geht).

Was für eine Unmenge an Anspielungen muss es dann wohl in der gesamten Serie geben, wenn dies nur ein Bruchteil der Anspielungen aus dem Film ist?

Und weitergedacht: Wieviele Menschen wurden schon in „Die Simpsons“ zitiert? Wieviele reale Vorfälle wie z.B. eine über die Online-Versteigerungsplattform eBay angebotene Lunge wurden schon in Barts obligatorischem Tafel-Sketch verarbeitet? Und was entgeht uns sonst noch so alles, ohne dass wir es je ahnen würden?

Vermutlich ist es gerade das, was „Die Simpsons“ so interessant macht. Man hat das Gefühl, ein paar Absätze lang einen Blick zwischen die Zeilen zu erhaschen – und plumpst kurz darauf enttäuscht zurück auf das Sofa, weil da noch so viel mehr ist. <>

Gudrun Geist studiert an der FH Joanneum Graz Journalismus und Public Relations. Blog: ghostini.wordpress.com

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