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Die Verzückung des Paulus

20. November 2009

Die Festrede des Philisterseniors Paul Drobec anlässlich des 109. Stiftungsfestes am 13. Juni 2009. Als Inspiration diente das von Cbr. Andreas Gamerith, Alp, geschaffene Altarbild “Die Verzückung des Paulus” für die Kapelle auf Schloss Coburg in Ebenthal.

Liebe Bundes- und Cartellbrüder!

Werte Festgäste!

Gerne komme ich der Bitte unseres hohen Seniors nach, beim heutigen Festkommers das Wort zu ergreifen, und danke für diese Ehre.

Hatte ich schon öfter bei früheren solchen Anlässen über unsere Prinzipien referiert, insbesondere über Scientia – ich erinnere an die Ausführungen über die neue Studienlandschaft und die Auswirkungen des Bolognaprozesses – sowie Patria und Amicitia, so will ich heute ein wenig auf die Religio eingehen, ohne jedoch eine Predigt halten zu wollen, geschweige denn, den ausgezeichneten Worten unseres Verbindungsseelsorgers Konkurrenz zu bieten. Vielmehr hat mich das Paulusjahr und der Ort unseres Festkommerses dazu inspiriert, das altehrwürdige Stift Altenburg, und in diesem Zusammenhang ein ganz besonderes Zusammentreffen, welches ich hier vor etlichen Wochen erleben durfte.

Dazu aber eine kurze Vorgeschichte: Wie viele von Euch wissen, habe ich mir als kleine Nebenbeschäftigung die Renovierung des Barockschlosses Coburg zu Ebenthal angetan, welches ich seit über 20 Jahren in Stand setze. Wie auch spätestens seit gestern bekannt ist, habe ich vor wenigen Tagen meinen 60. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass wollte ich meine Schlosskapelle in neuem Glanze sehen. U.a. stellte sich dabei die Aufgabe, das in den Kriegswirren verschollene Hochaltargemälde wiederherzustellen, wobei es erschwerend war, dass jegliche Aufzeichnungen darüber ebenfalls verschwunden waren.

Ich lernte vor drei Jahren den jungen Künstler Cbr. Andreas Gammerith v. Cherubino, Alp, kennen, der aus Altenburg stammt und hier im Stift als Restaurator und Freskenmaler tätig ist. Einige Fahrten nach Ebenthal und etliche Gespräche über das geplante Werk brachten uns einander näher und ließen ein Konzept entstehen. Da wir wie gesagt nichts über die ursprüngliche Darstellung des Altarbildes wussten, schlug der Künstler eine Szene aus dem Leben des Hl. Paulus vor. Dies passte sowohl zum heurigen Paulus-Jahr als auch zu meinem Namenspatron.

Andreas Gammerith schreibt zu diesem Sujet der Verzückung des Heiligen Paulus: Ausgangspunkt für die Darstellung war der Satz des Apostels „Oculus non vidit, nec auris audivit, nec in cor hominis ascendit…“  – „Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist, das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1Kor 2,9). Die literarischen Quellen der Darstellung entstammen den Beschreibungen des Hl. Paulus: „Als ich später nach Jerusalem zurückgekehrt war und im Tempel betete, da geriet ich in eine Verzückung“ (Apg 22,17) und in Verschweigung des autobiographischen Hintergrundes: „Ich kenne jemand, einen Diener Christi, der vor vierzehn Jahren bis in den dritten Himmel entrückt wurde. Ich weiß allerdings nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es. Und ich weiß, dass dieser Mensch in das Paradies entrückt wurde. Er hörte unsagbare Worte, die ein Mensch nicht aussprechen kann“ (2 Kor 12, 2-6).

Wer war dieser Apostelfürst Paulus? Ikonographisch ist er stets mit einer Stirnglatze und einem dunklen Bart dargestellt, in der einen Hand das Schwert, das auf seinen  Märtyrertod durch Enthauptung hindeutet, in der anderen Hand ein Buch oder eine Schriftrolle, stellvertretend für seine eigenen Schriften, die Briefe an die verschiedenen Gemeinden.

Saulus wurde in Tarsus neun Jahre nach Christus als Sohn jüdischer Eltern geboren, lebte als Pharisäer streng nach dem Gesetz und lernte das Handwerk des Zelttuchwebers. Etwa im Jahre 34 fand dann die legendäre Begebenheit der „Bekehrung“ vor dem Stadttor von Damaskus statt. Obwohl sie zur gleichen Zeit lebten, ist Paulus mit Jesus nie zusammengetroffen. War Saulus noch als Verfolger bei der Steinigung des Hl. Stephanus anwesend, so zog er nach seiner Läuterung vor den Toren von Damaskus missionarisch in zahlreiche Länder, um Juden und Heiden zu bekehren. Der Initiative des Apostels Paulus ist es zu verdanken, dass die frohe Botschaft Jesu aus der Enge des jüdisch-palästinensischen Raumes im hellenistisch-römischen Kulturraum Eingang gefunden hat. Paulus war somit der erste Verkünder des Evangeliums in Europa. Er stand mit beiden Beinen in der Welt und lehrte uns durch sein Temperament, dass es auch andere Kategorien von Heiligkeit gibt.

Kehren wir noch einmal zu unserem Bild zurück. Der Künstler schuf eine Komposition als serpentinata, eine große Spiralform: Der Blick des Betrachters steigt aus einer finsteren Nacht empor. Der Heilige Paulus wird von jugendlichen Cherubim getragen und richtet seinen Blick auf das strahlende Licht, das von oben kommt. Über dem gesprengten Giebel der Altareinfassung geht dieser Blick auf das stuckierte Auge Gottes an der Decke der Kapelle und weiter zu den Deckenfresken der Trinität.

An einem kalten Wintertag Anfang Feber besuchte ich Andreas Gammerith hier im Stift Altenburg, wo dieses Gemälde auf einen großen Rohrahmen gespannt entstand. Obwohl ich damals erst die Rohfassung sah, ging von diesem Heiligenbild eine geheimnisvolle Kraft aus, die mich faszinierte. Kann uns dieser Hl. Paulus auch heute noch faszinieren? Ich glaube schon: Dieser Saulus kann uns Beispiel sein, dass wir aus den Irrtümern unseres Lebens jederzeit mit der Gnade Gottes zu seiner Anschauung gelangen können. Dass wir nicht nur in der Lage sind, unsere eigenen Zweifel durch den Glauben zu besiegen, sondern diese Überzeugung auch fast missionarisch weitertragen können. Dieser Paulus ging uns voran in seinen damals sehr ausgedehnten Reisen zu anderen Völkern und lehrte sie die Güte und Liebe Gottes. Er verteidigte diese seine gewonnene Überzeugung bis an sein Lebensende, ja bis zu seinem Märtyrertod in Rom. Dies wird wohl niemand von uns verlangen, aber wir sollten seinem Beispiel folgen, und unsere religiösen und christlichen Werte demonstrativ leben und unseren Mitmenschen ein Beispiel geben.

Während Cbr. Chrubino hier sein Werk geschaffen hat, war ich im Jänner auf einer Pilgerreise im Heiligen Land. Mehrmals tauschten wir über diese große Entfernung Gedanken über das Bild aus. Chrubino, der immer wieder von den Patres dieses Stiftes bei seiner Tätigkeit besucht wurde – wer lässt schließlich heutzutage ein 8 m² großes Altarbild malen -  erzählte mir, dass sie oft das Gefühl gehabt haben, mit der Heimat diese Paulus dadurch verbunden gewesen zu sein.

Auf dem Berg Tabor hatte ich ein beglückendes Erlebnis: wir ließen unser Auto am Fuße dieses Berges stehe, welcher sich ja aus einer Depression erhebt, und stiegen den Hügel hinan. Oben angekommen war die Kirche versperrt. Wir lagerten unter einem Baum, und ein Freund zog eine Flasche Wein und Fladenbrote aus seiner Reisetasche. Wir beteten, brachen das Brot, aßen und tranken. Und da war es plötzlich wirklich so: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Am Nachmittag war dann die Kirche offen und wir besichtigten das große Goldgrundmosaik mit der Verklärung Christi. Auf dem Rückweg fiel Nebel ein, und die Strahlen der langsam sinkenden Sonne versetzten diesen Dunstschleier in gleißendes Licht. Ein überwältigendes Schauspiel der Natur – oder eine Gnade, solch einen Augenblick erleben zu dürfen. Später schrieb ich darüber:

Die Stunde ist niemals allein:
Das Heute ist morgen schon gestern
und all diese Tage sind Schwestern
des ewig vergänglichen Sein.

Und alles ist wieder nur Schein:
Das Heute war gestern noch morgen
mit all seinen fraglichen Sorgen.
Die Stunde ist niemals allein.

Und wem sie alleine begegnet
im Wandel der leblosen Zeit,
im Dunkel der lautlosen Nacht,

dem sei diese Stunde gesegnet:
Er war für die Stunde bereit,
und sie hat ein Wunder vollbracht.

Prim. FA Prof. Med.R. Dr. Paul Drobec v. Smoky ist Philistersenior unseres Nordgaus. Mitgliedschaft auch bei Nordgau Prag (CV) und Capitolina Rom (CV).

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  1. Harald Rudolf v.Cicero NdP! Permalink
    30. November 2009 18:52

    Liebe Bundesbrüder, vielen Dank für die Aussendung der e-mail.
    Lieber Smoky,
    Deine Ansprache habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich kann Deine Empfindungen sehr gut nachvollziehen. Besonders hat mich Dein – mir bisher unbekanntes – Engagement für die Renovierung des Schlosses mitsamt der Kapelle beeindruckt. Dafür wünsche ich Dir weiter viel Freude und Erfolg.
    Mit bundesbrüderlichem Gruß
    Harald Rudolf v. Cicero NdP!

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