Zum Inhalt springen

„Sagt euch los von eurem Glauben … oder tragt die Konsequenzen!“

2. November 2009

ARTIKEL_KIN05„Unsere verfolgten Brüder und Schwestern sind die Elite der Kirche. Mit ihnen solidarisch zu sein, ist eine Ehrensache.“ Dieses Zitat definiert den Auftrag des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“, das versucht, in mehr als 130 Ländern der Kirche zu helfen. Dort, wo sie verfolgt und bedrängt wird oder nicht genügend Mittel für die Seelsorge hat.

Von Gerhard Labschütz

Im vergangenen Semester versuchte uns Bbr. Weihbischof Franz Scharl gemeinsam mit Harald Rechberger, einen Vertreter von „Kirche in Not“, in einer Podiumsdiskussion für die Thematik „Christenverfolgung heute“ zu sensibilisieren. In vielen Regionen der Welt leiden christliche Gemeinschaften unter Verfolgung, Einschüchterung und Gewalt. Weltweit sind ca. 200 Millionen Christen um ihres Glaubens willen in Schwierigkeiten, welche sich in unterschiedlichsten Formen der Gewalt bis hin zu Mord ausdrücken. Christenverfolgung ist nicht, wie in unserer katholischen säkularisierten Umgebung wahrgenommen, ein Sache der Vergangenheit, sondern ein Phänomen der Gegenwart. In vielen Regionen der Welt leiden religiöse Gemeinschaften der unterschiedlichsten Richtungen unter Einschüchterung und Gewalt.

Am meisten  unterdrückte Glaubensgemeinschaft

Beobachtungen und Untersuchungen zeigen deutlich, dass das Christentum stärker unterdrückt wird als jede andere Glaubensgemeinschaft. Dies bestätigt aus seiner Sicht im Zuge der Podiumsdiskussion ein weiterer Gast. Victor Elkharat, ist Ägypter, Kopte und Journalist und kann aus eigener Erfahrung von der Christenverfolgung berichten. Anschaulich beschreibt er, wie einzelne Familien und kleine Gemeinschaften in einem Klima von Diskriminierung und Gewalt leben, wie es ihr Berufsleben, ihre Verdienstmöglichkeiten, die Ausbildung ihrer Kinder, ihre Gesundheit beeinflusst. Wenn er vom Umgang mit dem dominierenden Islam in seiner Heimat berichtet, sind der gegenseitigen Hass oder zumindest die Vergeltungswünschen der unterdrückten Christen zu spüren.

Die Organisation „Kirche in Not“ möchte neben ihrer Tätigkeit als Unterstützerin vor allem die Dokumentation weltweiter Christenverfolgung durch Ermittlungen, Kontakte und Interviews transparent und fundiert aufzeigen, um alle entscheidenden Kräfte und Politiker zu einem Eingreifen und Umdenken bewegen zu können. Daher hat sie als Hauptquelle eine umfangreiche Dokumentation über „Christen in großer Bedrängnis“ herausgegeben („Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2008“) Darin sind alle Staaten aufgeführt, in denen Christen unterdrückt werden.

ARTIKEL_KIN01Positive Entwicklung in (post)sozialistischen Ländern

Die Diskutanten und der Bericht lassen grundsätzlich zwei Entwicklungstendenzen der Christenverfolgung erkennen. Eine erste Tendenz war und ist in ehemals kommunistisch geführten Staaten festzustellen. In diesen Ländern haben sich aber erkennbare Veränderungen ergeben, die mit dem Niedergang der marxistischen Ideologie einerseits und andererseits mit einer gewissen inneren Kapitulation vor der Unausrottbarkeit religiöser Überzeugungen zusammenhängen. So zeigt sich dort, wo man dem Christentum lange Zeit feindlich gegenüberstand, nun eine sehr viel mildere Einstellung. Dies zeigt vielleicht das Beispiel Kuba, wo beim Besuch des Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone die Weihe einer katholischen Kirche seit mehr als 40 Jahren erlaubt wurde. Oder das Beispiel der Volksrepublik Vietnam, die im Vorjahr die Gesetze für die staatliche Steuerung und Kontrolle der kirchlichen Aktivitäten massiv gelockert hat.

Negativer Trend in islamischen Ländern

Im deutlichen Gegensatz dazu stehen die Entwicklungen in einigen islamischen Staaten, wo eine zunehmende Welle des Extremismus festzustellen ist. In den letzten Jahren hat die gegen Christen gerichtete Gewalt dramatisch zugenommen, ausgelöst durch den amerikanischen „Krieg gegen den Terror“, der zu einer wachsenden anti-westlichen Stimmung führt. Die Christen in diesen Ländern, die in den Augen der Muslime einem „westlichen Glauben“ angehören, werden pauschal verdächtigt die Verbündeten der USA zu sein. Damit werden sie, obwohl ethnische „Einheimische“, zu „inneren Feinden“.

Erzbischof Lawrence Saldanha aus Lahore (Pakistan) berichtet, dass die Christen den Preis für die Habgier und die Gräueltaten der westlichen Nationen zahlen müssen. So erhielten sie offene Drohungen wie z.B.: „Sagt euch los von eurem christlichen Glauben oder tragt die Konsequenzen!“ Diese Konsequenzen bedeuten für viele gewaltsame Vertreibung aus ihren Häusern, die Zerstörung von Eigentum, Entführungen mit Lösegelderpressung und Tötung auf brutale Weise. Viele Christen können den wachsenden Druck nicht mehr standhalten, sie spüren mehr und mehr Ablehnung in einer islamischen Gesellschaft. Grundlegende Menschenrechte werden ihnen vorenthalten, teilweise zahlen Nicht-Muslime Sondersteuern, erfahren Einschränkungen und Benachteiligungen in der schulischen Ausbildung und im Berufsleben und verspüren einen starken Konversionsdruck zum Islam.

Verfolgung und Massenexodus

Außerdem besteht große Gefahr wegen unerlaubter Missionierung angeklagt zu werden, wobei dabei nicht die offensive Form der Missionierung wie das Verteilen von Bibeln und christlicher Literatur gemeint ist. Schon allein das Tragen eines Kreuzes oder eine unbedachte Äußerung kann zur Verfolgung führen. Unerlaubte Missionierung gilt als Straftat, die mit Gefängnis und Auspeitschung bestraft wird, falls männliche Muslime zum Christentum konvertieren, droht ihnen meist die Todesstrafe (durch staatliche Strafgesetze oder zumindest aufgrund islamischer Tradition und gesellschaftlichem Brauch).

ARTIKEL_KIN04Die Auswanderung der Christen in einigen muslimischen Ländern ist zu einem „Massenexodus“ angeschwollen, wie die Lage der Christen im Irak veranschaulicht. Dort gab es 1987 noch 1,4 Millionen Christen. Die Gemeinde ist bis Mitte 2008 auf weniger als 400.000 Christen zusammengeschrumpft. Diese Christen fühlen sich im Stich gelassen von den Ländern des Westens. Warum sollte sie das Schicksal von Menschen, die aus religiösen Gründen unterdrückt und verfolgt werden, interessieren? Aber es müsste im Sinne der Christen sein, für ein Fortbestehen der Kirche in diesen Ursprungsländern des Christentums zu kämpfen. Auch für den gesellschaftlichen Aufbau und die Entwicklung in diesen Staaten haben Christen immer wieder eine wichtige Rolle gespielt.

Es gilt daher nicht die Augen zu verschließen vor der „Christenverfolgung heute“. Vielleicht gibt uns ein Zitat von Erzbischof Louis Sako von Kirkuk (Irak) zu denken: „Heute schon ist für uns Karfreitag. Wir Christen im Irak durchleben die Passion Christi auf geistliche Weise und buchstäblich auf allen Ebenen.“

Gerhard Labschütz, NdW und NdP, studiert Katholische Fachtheologie an der Universität Wien.

Ein Kommentar Eins hinterlassen →
  1. Sr, Katharina OP Permalink
    30. November 2009 15:30

    Ich freue mich, dass Korporierte sich am 10.12 am Tag der Menschenrechte beteiligen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.