Wir Clowns in Couleur …
… wir leben nicht nur in diesem ständigen Zustand der Narretei, wir tun und reden auch sonst von Dingen, die eigentümlich und im wahren Sinne des Wortes jenseitig wirken mögen. Aber vielleicht sollten wir es uns gar nicht so schwer machen? All das couleurstudentische Brauchtum, die Clownskluft, vielleicht sollte man sich ihrer entledigen… Zeitlos aktuelle Gedanken zur Anziehungskraft des ÖCV anlässlich des Festakts „75 Jahre ÖCV“.
Von Johannes Preiser-Kapeller
Der krasse Fuchs, der im Jahr 2008 hierher zu uns kommt, muss sich ob seines Beitritts zur Verbindung im Gegensatz zu den 1930er Jahren nicht mehr vor Verfolgung fürchten. Aber nicht nur die Zeiten totalitärer Unterdrückung und heftiger weltanschaulicher Konflikte sind in unserem Land vorüber, auch das Heldenzeitalter des Österreichischen Cartellverbandes ist Geschichte. Die ÖCV-Mitgliedschaft hat nicht mehr den Bekenntnischarakter zu einem katholisch-akademischen Kampfverbund wie früher.
Ohne Gefahr für Leib und Leben können wir in Couleur auf den Hochschulen auftreten. Vielleicht werden wir von einigen verwirrten Kommilitonen scheel angesehen oder sogar angepöbelt; aber mittlerweile sind wir womöglich froh, wenn uns jemand noch so ernst nimmt, dass er in uns einen Gegner sieht. Denn oft genug erntet unser Auftritt in Couleur, wenn wir ihn denn überhaupt wagen, eher Belustigung und Unverständnis. In Band und Deckel oder Vollwichs ergeht es uns nun manchmal wie dem Clown in Kierkegaards Diapsalmata, der dem Publikum eine wichtige Nachricht überbringen will, aber ob seiner Kluft kein Gehör findet. Diesen Clown zitiert auch Joseph Ratzinger, der nunmehrige Heilige Vater, am Beginn seiner „Einführung ins Christentum“ als Sinnbild des Theologen, der in der heutigen Zeit von Gott sprechen will; und Ratzinger schreibt: „Er wird in seinen Clownsgewändern aus dem Mittelalter oder aus welcher Vergangenheit auch immer gar nicht ernst genommen. Er kann sagen, was er will, er ist gleichsam etikettiert und eingeordnet durch seine Rolle.“ Ebenso mag es uns in unseren Clownsgewändern aus der Vergangenheit gehen, uns, den Clowns in Couleur.
Auch sonst sind sich alle Beobachter einig, dass der Einfluss des ÖCV nicht nur an den Universitäten, sondern in Kirche, Staat und Gesellschaft nach einer Zeit des Wachstums von 1945 bis in die 1960er Jahre in den letzten Jahrzehnten gesunken ist. Wie bei der Katholischen Kirche, der es nicht zufällig ähnlich ergeht, herrscht Uneinigkeit darüber, wie man darauf reagieren soll. Und wie in der Kirche sprechen manche davon, man müsse sich damit abfinden, eine Minderheit darzustellen, dies aber gleichzeitig als Chance begreifen, den geschrumpften Kern zu erhalten und als „Salz der Erde“, als selbsternannte katholische Elite in der Gesellschaft zu wirken.
Eine Minderheit in der Studentenschaft waren wir schon immer. Aber sind die Quellen der Anziehungskraft des ÖCV schon so ausgetrocknet, dass wir a priori unsere Botschaft nur mehr an wenige richten wollen? Zwar mag in Zeiten der allgemeinen Beliebigkeit auch der Anhauch der Exklusivität anziehend wirken. Doch wir sollten nicht darauf verzichten, in der Studentenschaft eine weiter reichende Wirkungskraft zu entfalten. Dass wir ohnehin eine vergleichsweise kleine Schar bleiben werden, müssen wir nicht von vornherein auf unsere Fahnen heften.
Eine Abfrage im ÖCV-Online-Gesamtverzeichnis ergibt für die Geburtsjahrgänge 1987 bis 1989, also die jüngste Generation unserer Fuchsen und Neoburschen, eine Zahl von fast 200 Bundesbrüdern; bricht man diese Zahl auf die mehr als 40 Verbindungen des ÖCV herunter, ergeben sich fünf junge Studenten je Verbindung. Diese 200 Studenten waren immerhin für die Anziehungskraft des ÖCV empfänglich. Deshalb sollte ein Fuchs hier stehen und uns erklären, warum er einem Verband beigetreten ist, der seit 75 Jahren Bestand hat. Doch welchem Fuchs hätten wir diese Aufgabe übertragen sollen?
Dem Fuchs, der sich von Kindheit an in seiner Pfarre engagiert und über eine ÖCV-Wallfahrt zu seiner Verbindung gefunden hat? Oder dem Fuchs, der nur im Rahmen der Verbindung einen Gottesdienst besucht und mit der sogenannten Amtskirche gar nichts anfangen kann? Dem Fuchs, den wir als umtriebigen Jungparteifunktionär kennen gelernt haben, oder dem, der noch nie wählen war? Dem Fuchs, der sonst noch in drei anderen Vereinen Mitglied ist und wöchentlich emsig die Bude putzt, oder dem, den wir nur sehen, wenn ein einflussreicher Alter Herr aus Politik oder Wirtschaft auf der Verbindung auftaucht? Dem Fuchs, der sein Studium mit den besten Noten vorantreibt oder dem, der sein Rezeptionsgesuch nach fünf Bier unterzeichnet hat und findet, dass auf der Bude am besten und billigsten feiern ist?
Auf die Frage, was diese so verschiedenen jungen Studierenden allesamt zu einer ÖCV-Verbindung gezogen haben mag, gibt es keine eindeutige Antwort mehr. Die so oft beschworenen vier Prinzipien, mag einer erwidern. Dieser vermeintlich Homogenität gewährleistende Grundkonsens, dem ein junger Mensch zustimmen muss, will er bei uns Fuchs werden, lässt sich auf aber vier Dokumente reduzieren: den Taufschein, den Staatsbürgerschaftsnachweis und die Inskriptionsbestätigung, die die Erlangung des vierten Schriftstückes ermöglichen: des Rezeptionsgesuches. Wie weit der junge Student diese vier Stück Papier in seinem Leben mit Inhalt erfüllt, können wir – und wollen wir, wenn die Verbindung gerade ohnehin um Nachwuchs kämpft – nicht genau wissen. Das ist auch in Ordnung, wenn es dann gelingt, die vier Prinzipien im Laufe der weiteren Fuchsenzeit mit Inhalt zu erfüllen
Warum im Vergleich zu der Zeit vor 75 oder 50 Jahren selbst das kleine Segment, das aus der gewaltig gewachsenen Zahl der Studenten überhaupt Interesse an einer Mitgliedschaft bei einer CV-Verbindung haben könnte, oft so heterogen erscheint, weiß der Sozialhistoriker oder der Soziologe. Er wird uns vielleicht auch die Illusion nehmen, dass es primär die Affinität zu unseren Werten und Prinzipien ist, die einen Studenten zum Aufnahmegesuch führt. Tatsächlich ist für den größeren Teil der Studierenden, die heute den Weg zu einer Verbindung finden könnten, diese grundsätzlich ein Freizeitangebot neben anderen. Dass die gesellige Atmosphäre, eine Erscheinungsform der amicitia, die idealerweise dem Spefuxen auf der Bude begegnen soll, schon immer eine nicht unwesentliche Rolle beim Keilerfolg gespielt hat, wird auch der älteste Cartellbruder im Saal bestätigen können. Doch die Bedeutung des „Fun-Factors“ ist gestiegen; den weltanschaulich weitgehend unbeleckten Studiosus wird beim ersten Besuch auf der Bude nicht die eindringliche Beschwörung von religio, patria, scientia und amicitia zum Dableiben bewegen, sondern die gute Stimmung.
Die Anziehungskraft des ÖCV im Jahr 2008 erschöpft sich natürlich nicht in der Feierfreudigkeit seiner Mitglieder. Die tollen Partys, die eine Verbindung veranstaltet, können nicht erklären, warum ein junger Student die anderen, wesentlicheren Verpflichtungen, die ihm unsere Traditionen abverlangen, auf sich nimmt und bei der Verbindung bleibt.
Aber vielleicht sollte man es ihm gar nicht so schwer machen? All das couleurstudentische Brauchtum, die Clownskluft, die befremdlich, sogar abschreckend wirken mag, vielleicht sollte man sich ihrer entledigen oder sie zumindest wohlversperrt in einem Traditionszimmer der Bude bewahren und nur zu hohen Jubiläen vorführen. Und wenn die Zahl potentieller Keilkandidaten so gering und ohnehin ideologisch so indifferent ist, warum sollte man dann die Hürden der Konfession oder des Geschlechts nicht beseitigen, um mehr Zulauf zu erhalten und endlich den Anschluss an die Gegenwart zu finden? Diese Ideen sind nicht neu, sondern geistern in periodisch schwankender Intensität seit 30 oder 40 Jahren durch den ÖCV. Die Anziehungskraft des ÖCV aber ließ und lässt sich durch diese Konzepte nicht steigern. Man wird uns auch dann nicht die Türen der Buden einrennen, wenn wir draußen ein Schild mit der Aufschrift befestigen: „Wir sind für alles offen!“.
Also lautet die Parole doch Rückzug auf unsere letzten Bastionen mit der Tröstung, als kleine Elite wirksam zu sein? Sollen wir, die Clowns in Couleur, uns schüchtern zurückziehen und darauf hoffen, dass uns da und dort Mundpropaganda den einen oder anderen Studenten zuführt? Oder sollen wir den offensiven Auftritt in der studentischen Öffentlichkeit wagen, auch wenn wir dort Gleichgültigkeit, allenfalls Unverständnis, im schlimmsten Fall Feindseligkeit erfahren? Wir wurden vielleicht aus der Mitte der Studentenschaft ver-rückt; aber wir ex-zentrisch Verrückten sind es den hohen Schulen und den Studierenden sogar schuldig, dort weiter präsent zu sein und ihnen unser Angebot einer anderen Gestaltung des studentischen Lebens vorzustellen.
Dabei mögen wir die Reaktionen ernten, die ich erwähnt habe, und als anachronistische Relikte und Narren verlacht werden. Aber es ist mittlerweile schon allein unsere Existenz, es sind unsere Traditionen und Prinzipien, die Aufsehen, Ärgernis, aber auch Anziehungskraft erzeugen können, wenn sie mit Überzeugung vorgebracht werden. Wenn sie in einer Verbindung ehrlich praktiziert werden, sind sie es auch, die den Fuchs zum Bleiben bewegen werden.
Aber mit welchen Inhalten meint der „größte Akademikerverband Österreichs“, wie wir uns selbst gerne bezeichnen, Anziehungskraft ausüben zu können? Wir berufen uns in der Mitgliederwerbung jetzt oft auf „Softskills“ wie Team- und Organisationsfähigkeit oder Diskussionsführung, die die Mitarbeit in einer Verbindung zu vermitteln vermag – der ÖCV als Zusatzqualifikation. Nun mögen die NLP- und Rhetorikseminare bei der Bildungsakademie billiger sein als anderswo, besondere Anziehungskraft entwickelt ein reines Ausbildungsangebot, das jenem anderer Karriereoptimierungseinrichtungen gleicht, nicht. Das Außergewöhnliche am Cartellverband ist nicht, dass er als Spielwiese dienen kann, um seine künftige Karrieretauglichkeit zu erproben.
Das Besondere an uns ist vielmehr, dass der Fuchs nicht nur freundlich aufgenommen, sondern ernst genommen und in die Pflicht genommen wird, von Beginn an. Die obersten Repräsentanten von Verbindung und Verband, die wichtigen Chargen, die Programme und Inhalte, das Leben der Verbindungen lenken und gestalten, sind die jungen, die studierenden Mitglieder. Im Verband, in den Verbindungen finden wir eine totale Umkehrung der sonst üblichen Hierarchien. Bei keinen anderen, auch nicht den angeblich progressivsten Vereinigungen, wird den jungen Mitgliedern nach so kurzer Zeit so viel Verantwortung um den Fortbestand, um das Blühen und Gedeihen der gesamten Organisation zugetraut. Wir leben im permanenten umgekehrten Bierstaat, der von den Ideen und Initiativen der jüngsten Mitglieder lebt, die diese nicht erst nach Jahrzehnten gehorsamen Funktionierens im Räderwerk der Vereinigung, sondern nach wenigen Semestern der Mitgliedschaft erproben und umsetzen können.
Wir Clowns in Couleur, wir leben nicht nur in diesem ständigen Zustand der Narretei, wir tun und reden auch sonst von Dingen, die eigentümlich und im wahren Sinne des Wortes jenseitig wirken mögen. Wir sprechen darüber, was wir glauben und wie wir glauben, wir beten gemeinsam und feiern gemeinsam die Heilige Messe – einfach so, wochentags, auf unseren Buden. Wir singen die Bundeshymne nicht nur am Nationalfeiertag und durchbohren unsere Mützen in einem irren Anfall von Sachbeschädigung als Bekenntnis zum Vaterland. Unser Ziel ist auch nicht die Absolvierung des Studiums mit möglichst geringen Reibungsverlusten, sondern die Etablierung einer lebenslangen wissenschaftlichen Neugier jenseits der Zweckorientierung und jenseits der Grenzen unseres Studienfaches.
Dazu bedarf es natürlich einer gewissen Durchmischung des Fächerspektrums im Cartellverband. Auffallend ist aber, wie unterschiedlich die Anziehungskraft des ÖCV in den diversen Studienrichtungen ausgeprägt ist und vermutlich schon lange war. Von den erwähnten 197 Cartellbrüdern aus den Geburtsjahrgängen 1987 bis 1989 betreiben 51 das Studium der Rechtswissenschaften und 35 ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. Dagegen finden wir unter diesen fast 200 Cartellbrüdern zwei katholische Theologen, einen Philosophiestudenten, einen Studenten der Geschichte und einen der Klassischen Philologie, aber auch nur zwei Physiker, zwei Studenten der Chemie, zwei Biologen und zwei Informatikstudenten.
Wenn sich unter den heutigen Rednern ein Jurist, nämlich der hohe Vorortspräsident, zwei Historikern gegenüber sieht, dann sind hier die Geisteswissenschaftler des ÖCV eklatant überrepräsentiert. Doch sollte diese interdisziplinäre Mischung nicht nur Gedenkveranstaltungen schmücken, sondern der Alltag in den Verbindungen sein. Es schadet den Juristen und Ökonomen nicht, wenn ihre Perspektiven im Gespräch mit den Verrückten von den exotischen Studienrichtungen, in der Diskussion über Kosmologie und Ontologie auch etwas ver-rückt werden. Denn es macht für den Studenten das Besondere an der Verbindung aus, wenn er dort Vertreter anderer Disziplinen, anderer Denkansätze trifft. Und der Fuchs bleibt, wenn er spürt, dass es auch intellektuell brodelt in seiner Verbindung – und das nicht nur im Anlassfall eines Vorortsjahres.
Und letztlich ist es die Anziehungskraft der Clownskluft selbst, die diese entwickelt, wenn wir vermitteln können, was sich hinter dieser merkwürdigen Gewandung und all den anderen äußeren Zeichen unserer Verbindungen verbirgt. Unsere Riten und Gebräuche, unsere Commentkultur, dürfen nicht in liebloser Reproduktion, sondern müssen in bewusster Repräsentation der symbolgewordenen Grundlagen des Lebensbundes bestehen. Diese Symbole begleiten den Bundesbruder durch sein gesamtes couleurstudentisches, berufliches und privates Leben, von der Rezeption über die Burschung, die Sponsion, die Philistrierung, die Couleurhochzeit bis hin zu den Chargierten am offenen Grab. Wenn sonst jene Institutionen, die vormals eine lebenslange Einbindung gewährleisteten, an Kraft verlieren, wird der Lebensbund Verbindung zu etwas Besonderem.
Ja, wir Verrückten fordern eine lebenslange Verpflichtung, die sonst nur mehr auf dem Standesamt oder vor dem Traualtar abverlangt wird. Dafür darf jeder Bundesbruder erfahren, wie Comment und Liedgut eine andere, verinnerlichte Qualität des freundschaftlichen Zusammenseins im Vergleich zu jeder anderen Vereinigung vermitteln. Darin liegt ein Teil der Anziehungskraft des ÖCV, die kein Networkingkreis, kein Alumniverband je entwickeln kann.
Diese Clownskluft fordert jeden Cartellbruder beständig heraus, sich dessen bewusst zu sein und erklären zu können, wofür er steht; denn sie provoziert stets zur Frage: „Was tust Du da?“ Doch sobald jemand diese Frage stellt, haben wir schon gewonnen, wenn wir es vermögen, eine überzeugende Antwort zu geben. Diese Herausforderung Couleurstudententum werden immer vergleichsweise wenige annehmen, aber wir müssen sie als Angebot einer sinnerfüllten studentischen Lebensform im Bewusstsein der studierenden Öffentlichkeit präsent erhalten.
Und dies gelingt nur, wenn wir präsent bleiben, wenn wir uns in jeder Hinsicht angreifbarmachen. Solange wir die Narrentracht nicht ausziehen, kann es um die Anziehungskraft des ÖCV nicht schlecht bestellt sein.
Dixi!
Ungekürzte Fassung der Festrede anlässlich des Festaktes „75 Jahre ÖCV“ am 14. Oktober 2008 im „Alten Landhaus“ in der Wiener Herrengasse.
Univ.-Lektor Mag. Dr. Johannes Preiser-Kapeller v. Kilian, NdW, NdP, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Byzanzforschung der ÖAW. Nordgauer seit 1996.






