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Vom Schmerlingtheater zum Schwerlingtheater

13. Februar 2009

Streifzug durch die nähere Umgebung unserer Bude.
Eine historische Umzingelung

von Alexander Vogl

Im Mai 1987 wurde unsere derzeitige Bude im Haus Kolingasse 2/Währinger Straße 2-4, auch bekannt als Maria-Theresien-Hof eingeweiht. Auch wenn der Umzug in dieses Souterrainlokal ursprünglich wohl als Übergangslösung gedacht war, so wurde diese Bude für die Aktiven in den vergangen 20 Jahren zur Heimat. Zwar gibt es noch Alte Herren, die sich noch wehmütig an die Bude in der Herrengasse erinnern, aber in der jüngeren Generation kennt man nur diese Bude – Grund genug sich einmal mit dem Umfeld zu beschäftigen.

Der Maria-Theresienhof heute
Der Maria-Theresienhof heute

Die Idee zu diesem Artikel kam mir beim Lesen einer Biographie von Theodor Herzl (1860-1904). Der Autor des Buchs „Der Judenstaat”, der zu den Begründern des modernen Zionismus zählt – und damit zu den ideellen Vätern des Staates Israel, wohnte in den Jahren 1882-1883 im Haus Kolingasse 13. In eben diesem Jahr 1883 erwuchs in Theodor Herzl die Erkenntnis, dass er aufgrund seiner jüdischen Herkunft niemals als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt, sein Versuch sich zu assimilieren scheitern würde. Äußeres Zeichen dieser Erkenntnis wurde sein Austritt aus der Wiener Burschenschaft Albia (Mai 1883), wohl auch um einem Ausschluss zuvorzukommen. Aber es ist ein interessanter Gedanke, dass nur wenige Meter von unserer Bude entfernt die ersten Schritte getan wurden, die Theodor Herzl auf den Weg zur Publikation des „Judenstaates” (1896) über die Einberufung des 1. Zionistischen Weltkongresses in Basel (1897) führten, von wo sich weiter eine Linie zur zweiten Einwanderungswelle (Alija) nach Palästina, und somit letztlich zur Gründung des israelischen Staates und dem nach wie vor brandaktuellen Nahostkonflikt ziehen lässt. (In der Kolingasse 9, wo sich das Vereinslokal der schlagenden „pennal conservativen Verbindung Ghibellinia” befindet, mag man sich zu dieser Nachbarschaft vielleicht andere Gedanken machen.)

Blick zurück

Die Besiedlungsgeschichte Wiens würde den Rahmen dieser Ausführung sprengen – Ausgrabungen gibt es in „unserem” Bereich keine. Bekannt ist aber der Verlauf der römischen Limesstraße, die von Klosterneuburg nach Schwechat, den heutigen Straßenzügen der Nußdorferstraße über die Boltzmanngasse in die Währinger Straße und von dort weiter der Herrengasse folgend, verlief – quasi vor unserer Haustür.

Im Bereich Währinger Straße, zwischen Kolin- und Hörlgasse am Fuße der „Schottenpoint” stand zwischen 1225 und 1529 ein nach der Heiligen Maria Magdalena benanntes Nonnenkloster. Dieses wurde bei der ersten Türkenbelagerung zerstört und nicht mehr aufgebaut, wie auch der gesamte Bereich ca. 500 Meter vor der Stadtmauer als Glacis zum Schutz vor zukünftigen Belagerungen unbebaut blieb. Erst im Bereich der heutigen Schwarzspanier- und Berggasse durfte gebaut werden, wie auf einigen alten Stichen aus dieser Zeit schön zu erkennen ist.

Die Schwarzspanierstraße verdankt ihren Namen der 1633 erbauten und 1683 (bekanntlich wieder einmal eine Türkenbelagerung) zerstörten Klosterkirche der Benediktiner von Montserrat. Die Kirche wurde bis 1727 in ihrer heutigen charakteristischen Form wiederaufgebaut, diente als evangelische Garnisonskirche, wurde ab 1935 von der russisch-orthodoxen Kirche mitbenutzt und ist heute der Sitz der evangelischen Studentengemeinde („Albert Schweitzerhaus”). In der Schwarzspanierstraße Nr. 15 stand bis 1904 auch jenes Haus, in dem Ludwig van Beethoven 1827 starb.

Die Berggasse hatte im Laufe der Zeit verschiedene Namen, seit 1862 trägt sie ihren heutigen. Er bezieht sich auf das ursprüngliche, steil abfallende Donauufer, dessen Verlauf sich an der Topographie des Alsergrundes mit seinen Stiegen (Strudelhof-, Himmelpfort- und Vereinsstiege) und stark ansteigenden Gassen (Berg- und Thurngasse) anschaulich verfolgen lässt und so die Geschichte des Alsergrundes erzählt.

Die Entstehung des Alsergrundes

Mit der Unterschrift Kaiser Franz-Josephs unter die provisorische Gemeindeordnung wurden die auf knapp drei Quadratkilometer verteilten sieben Gemeinden Althangrund, Himmelpfortgrund, Lichtental, Michelbeuern, Roßau, Thurygrund sowie die Alservorstadt im Bereich zwischen Stadtmauer und dem Linienwall bzw. dem Donauufer und der Alser Straße zum 8. Gemeindebezirk „Alsergrund” zusammengefasst. (1861 erst wurden Wieden und Margareten getrennt.) Damit wurden grundverschiedene Gebilde zusammengefasst: der Althangrund und Roßau waren schwach bebaute Gebiete, die Roßau hatte außerdem mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil. (In der Seegasse Nr. 9 befindet sich bis heute ein alter jüdischer Friedhof, der bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht – leider ist er nicht öffentlich zugänglich. Aber offensichtlich müssen auch so alte Kulturgüter vor Vandalismus geschützt werden). Deswegen wies der Alsergrund bis ins 20. Jahrhundert nach der Leopoldstadt den höchsten Anteil an jüdischer Bevölkerung aus (knapp 20 %). Lichtental war ursprünglich ein Fischerdorf, der Michelbeuerngrund wurde durch die Landesirrenanstalt und die Siglsche Lokomotivfabrik, der Himmelpfort- und Thurygrund durch Handwerker und Tagelöhner geprägt, während die Alservorstadt durch öffentliche Gebäude sowie das Glacis dominiert wurde.

Das Glacis und die Ringstraße

1857 erging der „allerhöchste Befehl” zur Schleifung der Bastionen, damit entfiel auch das Bauverbot für das Glacis (ein früherer Versuch mit der Bebauung „Neu-Wien” schlug fehl) – die heutige Ringstraße und die durch die prächtigen und repräsentativen Häuser aus der Gründerzeit geprägte Ringstraßenzone, in der sich auch unsere Bude befindet, entstanden. Aus einem ehemaligen Exerzierplatz wurde das Hauptgebäude der Universität Wien, die Votivkirche entstand auf dem Vorfeld der Schwarzspanierkirche, die Rossauerkaserne (ehemals Rudolfskaserne) – die prägenden Gebäude auf dem Weg von und zur Bude.

Die Votivkirche und ihre Umgebung

Die prägnante Votivkirche war der erste der hier errichteten Monumentalbauten, sie liegt der Bude am nächsten. Mit ihrem Vorplatz lenkt sie den Blick auf die österreichische Geschichte der vergangenen 160 Jahre: Am 18. Februar 1853 unternahm der ungarische Schneidergeselle Janos Libeny ein Attentat auf Kaiser Franz Joseph, die Geschichte ist bekannt: zum Dank für die Rettung wurde diese neogotische Kathedrale erbaut, den Entwurf stammt vom jungen Architekten Heinrich Ferstel, der auch für eine Reihe weiterer Ringstraßenbauten verantwortlich zeichnet (u. a. die Universität und das Chemische Institut in der Währinger Straße 10).

Der Bau der Votivkirche
Der Bau der Votivkirche

Der Bau selbst dauert von 1856 bis 1879 und stellt einen der Musterbauten des Historismus dar. Die auf das Schottentor ausgerichtete Hauptachse verweist auf den Platz davor, der mit seinem oftmals wechselnden Namen die Wechselfälle der österreichischen Geschichte widerspiegelt. Bis 1920 hieß er Maximiliansplatz, von 1920-1934 Freiheitsplatz, 1934-1938 Dollfußplatz, 1938-1945 Herman-Göring-Platz, dann wieder Freiheitsplatz. Seit 1946 ist er nach Franklin D. Roosevelt benannt. 1849 wurden hier auch die Mörder des Kriegsministers Graf Latour hingerichtet. Womit wir auch beim nächsten Punkt angelangt wären: dem Rabenstein

Der Rabenstein

Diese Richtstätte in der Roßau (beim Schlickplatz) ist seit 1311 dokumentiert. Die Todesstrafe wurde dort durch Erhängen, Rädern und das Schwert vollstreckt. Auf Befehl Maria Theresias wurde 1747 der Galgen vom Wienerberg hierher verlegt. (Sie wollte auf ihren Fahrten nach Laxenburg die Hingerichteten am Galgen nicht sehen.) 1786 wurde nach der Aufhebung der Todesstrafe durch Joseph II. die steinerne Hinrichtungsplattform abgerissen. Nach ihrer Wiedererrichtung wurde hier 1818 der berüchtigte Räuberhauptmann Grasel gehängt. 1850 wurde der Galgen wieder auf den Wienerberg (Spinnerin am Kreuz) verlegt. Das gotische Kreuz, das sich auf der ursprünglichen Richtstätte befand, findet man heute in der Apsis der Servitenkirche.

Die Kolingasse

An der Kreuzung mit der Währinger Straße, einer der ältesten Ausfallsstraßen Wiens, beginnt die Kolingasse. Ihren Namen erhielt sie 1870 zur Erinnerung an den Sieg Graf Dauns über Friedrich II. in Preußen bei Kolin 1757, der dem Mythos der Unbesiegbarkeit des „alten Fritz” ein Ende setzte. Als Bewohner der Kolingasse finden sich neben dem oben erwähnten Theodor Herzl, u. a. der berühmte Chirurg Theodor Billroth, Alexander Scharf (Gründer der Firma Tungsram, 1891) und der Librettist Alfred Grünwald (Gräfin Mariza). Die von einer Platanenallee gesäumte Gasse verläuft von der Währingerstraße zur Rossauerkaserne, an ihrem oberen Ende stand ursprünglich das „Schmerlingtheater”.

Das Schmerlingtheater

1861 wurde das erste, provisorische österreichische Abgeordnetenhaus basierend auf dem Februarpatent des selben Jahres errichtet, das bis zum Umzug in das von Theophil Hansen errichtete Parlamentsgebäude (1881, Währinger Straße 2-8 ) benutzt wurde. Der Wohlgesonnene darf annehmen, dass die auf den ersten Ministerpräsidenten Anton Schmerling zurückgehende Bezeichnung als „Schmerlingtheater” wohl mit der Nähe zum 1881 abgebrannten Ringstraßentheater (dort befindet sich heute die Bundespolizeidirektion Wien) zu tun hat. Andere gehen davon aus, dass auch diese Hallen der österreichischen Volksvertreter in der Tradition des österreichischen Parlamentarismus standen und dieser Name anderen Ursprungs ist. (Und wohlverdient ist, wie der Autor dieser Zeilen meint.)

Das erste österreichische Parlamentsgebäude, das "Schmerlingtheater" (1861)
Das erste österreichische Parlamentsgebäude, das “Schmerlingtheater” (1861)

An Stelle des „Schmerlingtheaters” entstanden von der Kolingasse getrennt zwei groß angelegte Höfe – der Maria-Theresienhof (Währinger Straße 2-4) und der Maximilianshof (Währinger Straße 6-8). Ersterer beherbergt unsere heutige Bude.

Der Maria-Theresienhof

Zwischen 1884 und 1885 wurden vom Architekten Ludwig Tischler und dem Bildhauer Richard Kauffungen der monumentale, fünfgeschoßige Bau errichtet. Dafür wurde die damals horrende Summe von zwei Millionen Kronen aufgewendet. Eine Summe, die sich in den barockisierenden Formen mit Eck- und Mittelrisalit, Balkonen, Büsten und korinthischen Säulen ausdrückt. Die spitz aufragenden Kuppelaufbauten wurden 1952 abgetragen.

Ich hoffe ich habe mit diesem Artikel den historischen Boden, auf dem sich unsere Bude befindet etwas näher bringen können. Vielleicht gehen wir dann mit etwas offeneren Augen durch unsere nähere Umgebung – und nutzen die damit verbundenen Gelegenheiten: Wenig bekannt, finden sich in unserer unmittelbaren Nähe z. B. das Österreichische Pharmazeutenmuseum (Währinger Straße), ein Jüdischer Friedhof (Seegasse) und das Bezirksmuseum Alsergrund. In unserer Umgebung stehen zudem einige interessante Pfarrkirchen (Votivkirche, Servitenkirche). Mit unserer exponierten Lage finden wir uns in unmittelbarer Umgebung der Universität, aber auch der Katholischen Hochschulgemeinde, der evangelischen Studentengemeinde und des Verbandes jüdischer Hochschüler. Wir sind im selben Haus wie die Katholische Arbeitnehmerbewegung und der Katholische Akademikerverband.

Alexander Vogl v. Bunsenbrenner, Jahrgang 1980, studiert Technische Chemie an der TU Wien. Eine ganze Handvoll Conseniorate („Bunseniorate”) haben ihm nicht nur die historischen Seiten der Kolingasse gelehrt. Korporiert bei Nordgau Wien, Nordgau Prag und Lichtenfels Zwettl (MKV).

Literatur
Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert Band III/1 Wien 1.-12. Bezirk, Residenz-Verlag, Salzburg 1990.
Peter Antengruber: Lexikon der Wiener Straßennamen, Pichler, Wien 2001.
Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Wiens Bd. 2 Wien II. bis IX und XX. Bezirk, Wien 1993.
Hugo Hassinger: Kunsthistorischer Atlas der Reichhaupt- und Residenzstadt Wien, Kunstverlag Anton Schroll, Wien 1916.
Carola Leitner: Alsergrund in alten Fotografien, Verlag Carl Überreuter, Wien 2006.
Hans Pemmer, Ninni Lackner: Die Währinger Straße, Beiträge zur Heimatkunde des IX. Wiener Gemeindebezirkes Bd. 3, Wien 1968.
Julius H. Schoeps: Theodor Herzl: 1860-1904. Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. Eine Text-Bild-Monographie, Wunderkammer Verlag, 2004.
Renate Wagner-Rieder (Hrsg.): Die Wiener Ringstraße Bild einer Epoche (10 Bde.), Herman Böhlaus Nachfolger, Wien 1969-1979.
Alfred Wolf: Archivbilder – Wien-Alsergrund, Sutton Verlag, Erfurt 2004.
Alfred Wolf: Beethoven in der Alser Vorstadt, Beiträge zur Heimatkunde des 9. Wiener Gemeindebezirkes Bd. 5, Wien 1970.


http://www.bezirksmuseum.at/alsergrund/page.asp/index.htm

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